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30 Jahre Zeit

Aus Erde 24

30 Jahre Zeit

von Uwe Hermann

»Es gibt keine Besatzung an Bord der Terranova!«, rief ich aus voller Kehle.

Ohne lange nachzudenken, war ich auf den Tisch im Speisesaal gestiegen, um allen die Augen zu öffnen.

Meine Frau Gertrud wurde von meiner Aktion ebenso überrumpelt wie die übrigen Gäste. Sie starrte mich mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen an, während die Gabel mit einem Stück synthetischen Fleisches bewegungslos vor ihrem Mund verharrte.

Etliche Augenpaare richteten sich auf mich. Es wurde still im Speisesaal. Jetzt bereute ich meinen spontanen Auftritt. Vielleicht hätte ich mein Geheimnis lieber für mich behalten sollen, aber seit unserem Aufbruch vor vier Wochen dachte ich an nichts anderes.

Auf der Erde tobten Wasserkriege und Hungersnöte. Die Terranova wurde zur letzten Hoffnung: Ein gewaltiges Raumschiff, das die Menschheit zu einer fernen Welt bringen sollte, um ihr Überleben zu sichern. Wer reich war, kaufte sich ein Ticket für den dreißig Jahre andauernden Flug. Doch nicht jeder konnte sich einen Platz an Bord leisten. Als deshalb die Aufstände eskalierten, schufen die Verantwortlichen eine Lotterie, in der auch das einfache Volk Tickets gewinnen konnte.

Meine Frau und ich gehörten zu den Glücklichen.

Dachten wir.

Dann begriff ich, dass an Bord der Terranova nicht alles mit rechten Dingen zuging. Nirgends sah ich jemanden von der Besatzung. Niemand führte Wartungsarbeiten durch, kein Kapitän begrüßte uns an Bord. Es waren immer nur Roboter, die sich um alles kümmerten. Wenn ich die Schiffs-KI nach einem Verantwortlichen fragte, bekam ich ausweichende Antworten. Und immer wieder entdeckte ich Bereiche, zu denen ich keinen Zutritt hatte. All das weckte mein Misstrauen. Irgendetwas wurde vor uns verheimlicht. Inzwischen bezweifelte ich sogar, dass wir Proxima Centauri anflogen.

»Setz dich wieder hin! Du machst dich lächerlich«, zischte Gertrud.

Ein bis zum Hals tätowierter Hüne erhob sich. Sein Stuhl schabte lautstark über den Fußboden. »Was soll das heißen, es gibt keine Besatzung?«, brummte er.

Obwohl das Herz in meiner Brust hämmerte wie die Triebwerke der Terranova, blieb ich stehen. Jetzt, wo ich entschlossen war, allen die Wahrheit zu sagen, konnte ich nicht mehr zurück.

»Dass wir belogen werden. Es gibt niemanden, der das Schiff steuert.«

»Das ist doch Humbug.« Eine in weißem Pelz gekleidete, ältere Dame widersprach heftig. Ihr gegenüber auf dem Tisch saß ein Pudel und schlabberte aus einem eigenen Teller. Ich wusste, dass einige Passagiere ihre Haustiere an Bord des Schiffes geschmuggelt hatten, und wunderte mich nicht über den Anblick. Wer genug Geld hatte, konnte sich alles kaufen. Gertrud wollte vor ein paar Tagen sogar einen Chinchilla im Spa-Bereich gesehen haben.

»Junger Mann, Sie reden Unsinn. Wir sind seit vier Wochen unterwegs.«

»Ja«, nickte ich, »nur steuert uns eine KI. Es gibt keine menschliche Besatzung an Bord der Terranova.«

Plötzlich redeten alle durcheinander. Wortfetzen, von denen »Dieser Spinner« noch die freundlichsten waren, prasselten auf mich herein.

Gertrud zog an meinem Hosenbein. »Setz dich endlich wieder hin!«

»Hat irgendjemand von Ihnen je ein Mitglied der Besatzung gesehen?«, rief ich über den Lärm hinweg. »Einen Techniker? Jemand, der irgendetwas repariert hat? Oder sonst eine Person, der nicht zu uns Passagieren gehört?«

Niemand hob die Hand.

»Und warum nicht?«, fragte ich rhetorisch. »Weil es keine Besatzung gibt!«

»Was ist mit dem Navigator, der unser Schiff beinahe in einen Asteroidenhaufen gelenkt hätte?«

Ich hatte die Tagesnachrichten ebenfalls gelesen und wusste, worauf die Frau in dem Pelz anspielte.

»Niemand kennt diesen Navigator. Wahrscheinlich hat die Schiffs-KI ihn erfunden, um uns zu beruhigen.«

»Indem sie uns erzählt, der Mann hätte uns fast in einen Asteroidenhaufen gelenkt?«, fragte Gertrud leise.

Diese Frage hatte ich mir anfangs auch gestellt. Inzwischen war ich mir sicher, dass die Schiffs-KI den Navigator nur vorgeschoben hatte, um einen Softwarefehler zu vertuschen.

Plötzlich meldete sich meine Assistenz-KI, die als blaues, halbmondförmiges Gebilde über meiner linken Augenbraue klebte. Neben mir in der Luft schwebte eine mausähnliche Comicfigur in einer roten Hose, mit weißen Knöpfen und Handschuhen.

Die meisten Passagiere hatten sich Abbilder realer Personen als ihren Avatar ausgesucht. Erst neulich hatte ich einen jungen Mann gesehen, der auf einer Bank saß und eine unsichtbare Person leidenschaftlich küsste. Ich hingegen wählte als Comicfan eine meiner Lieblingsfiguren aus. Da das Original dem Copyright unterlag, hatte mein Mäuserich allerdings keine runden, sondern rechteckige Ohren.

Maus stemmte die Hände in die Seite und sah mich vorwurfsvoll an. Du musst damit aufhören. Du verunsicherst die Passagiere.

»Na und?«, dachte ich, was Maus als Antwort verstand. »Hast du etwa Angst, dass die Wahrheit ans Licht kommt?«

Das ist keine Wahrheit, sondern Unsinn, widersprach Maus.

»Dann erkläre mir, warum sich niemand von der Besatzung zeigt!«, verlangte ich.

Maus zog die Stirn herunter und zeigte mit dem Finger auf mich. Ich habe dir schon hundertmal zu erklären versucht, dass ich eine externe KI bin und keinen Zugriff auf die Schiffssysteme habe.

»Also kannst du auch gar nicht wissen, ob es eine menschliche Besatzung gibt oder nicht«, konterte ich.

Das mag sein, aber ich weiß, wann du dich in Schwierigkeiten bringst. Und das ist gerade der Fall.

»Was soll mir denn passieren? Es gibt ja keine Schiffsführung«, erwiderte ich sarkastisch.

Maus seufzte. Du bist besessen von diesem Unsinn. Höre auf Gertrud und setz dich wieder hin.

Doch das hatte ich nicht vor. Stattdessen hob ich beide Arme und sorgte dafür, dass auch der Letzte mich bemerkte. »Außer uns ist niemand an Bord. Wir sind alleine!«

Immer mehr Gäste erhoben sich und kamen näher. Schließlich war ich von Menschen umringt. Ein Mann mit einer altmodischen digitale Kamera in der Hand, drängte sich nach vorne durch. Ich hatte ihn schon mehrfach gesehen. Ständig schlich er durch die Flure und machte Fotos.

»Haben Sie irgendwelche Beweise für Ihre Behauptung?«, fragte er.

»Nein«, musste ich zugeben, »aber auch keine, die dagegen sprechen.«

Unter den Gästen brach Unruhe aus. Schnell bildeten sich zwei Parteien. Die eine gab mir recht, während die andere lautstark widersprach.

In diesem Moment fielen krachend die Absperrgitter vor der Essensausgabe herunter. Das scheppernde Geräusch ließ uns erschrocken zusammenfahren. Auf den Anzeigetafeln erloschen die Tagesmenüs. Eine elektronische Stimme erklärte, dass der Speiseraum wegen Hygienearbeiten vorübergehend geschlossen sei und dass die Gäste ihn umgehend zu verlassen hatten.

Niemand rührte sich.

Ich deutete auf die Anzeige, auf der jetzt »Geschlossen« stand.

»Seht ihr, die KI versucht ihr Geheimnis zu schützen. Sie will nicht, dass ich euch die Wahrheit sage.«

»Die Schiffs-KI ist gefährlich!«, schrie eine Stimme und ein anderer fügte hinzu: »Es soll sogar einen Toten auf einer der unteren Ebenen gegeben haben.«

Am anderen Ende des Saals öffnete sich das Zugangsschott und mehrere Polizei-Bots traten ein. Sie sahen sich um und kamen dann zielstrebig auf mich zu.

Ich hab’s dir doch gesagt, dass du Schwierigkeiten bekommst, kicherte Maus.

Wieder einmal bereute ich, dass ich den Comic-Charakter der Original-Maus in meine KI hatte einprogrammieren lassen.

Ich sprang vom Tisch herunter und streckte die Hand nach Gertrud aus.

»Wir müssen los!«

In den Augen meiner Frau funkelte Zorn. »Auf keinen Fall. Heute ist der einzige Tag in der Woche, an dem es Fleisch gibt. Glaubst du, da lasse ich meinen Teller einfach stehen? Außerdem hast du dir den Ärger selbst eingebrockt. Also löffle ihn auch alleine wieder aus.«

Ich schaute mich kurz nach den Polizei-Bots um, die sich durch die Menge drängten, und lief in die andere Richtung davon. Auf dem Weg zum gegenüberliegenden Ausgang rempelte ich eine finster aussehende Gestalt an, die mit einem Begleiter an dem einzigen Panoramafenster saß und misstrauisch zu den Bots hinüberschaute.

Die Drohung, die er mir hinterherschleuderte, hörte ich schon nicht mehr. Ich war bereits durch den zweiten Ausgang verschwunden.

Mit deiner Flucht machst du es nur noch schlimmer, sagte Maus, während ich durch die Korridore des Schiffs lief.

Das tiefe Wummern des Antriebs war jetzt deutlich zu hören. Ein Stampfen und Keuchen, als wäre die Terranova ein Lebewesen, das eine schwere Last zog. Als wir an Bord kamen, dachte ich, das Geräusch würde mir den Verstand rauben, doch schon am dritten Tag hörte ich es kaum noch. Mein Gehirn hatte es ausgeblendet, so wie es anfangs auch die Ungereimtheiten an Bord ausgeblendet hatte.

Ich rannte eine Viertelstunde lang, bis ich mich plötzlich im Bildungstrakt wiederfand. Aus einer Kabine hörte ich Kinderstimmen und ein Erwachsener sprach über Nitrate.

Schließlich erreichte ich einen Sektor, den ich zuvor noch nie betreten hatte. Ein katzengroßer Serviceroboter huschte kurz an mir vorbei und verschwand in einem Loch in der Wand. Ein paar Meter weiter stand eine seltsam gekleidete Frau mit verklärtem Blick und faselte etwas von »Bäumen«. Sie war so in ihrer Traumwelt versunken, dass sie mich nicht einmal bemerkte.

Am Ende des Ganges stoppte mich ein verschlossenes Schott.

An der Wand hing ein Ausdruck, mit dem Abbild eines vermissten Jungen. Noch etwas, das mein Misstrauen steigerte. Wie konnte ein Junge an Bord eines Schiffes verschwinden? Durch die KI, die jeder trug, wäre er doch ständig auffindbar gewesen.

In dem Moment wurde mir klar, dass das auch für mich galt. Ich schimpfte mich einen Narren und deaktivierte Maus.

Aber es war bereits zu spät. In diesem Moment öffnete sich vor mir das Schott und ein Polizei-Bot kam herein.

Sein Greifarm packte mich.

*

Der Bot brachte mich auf die Polizeistation und hielt mir über Stunden einen Vortrag über Regeln und Pflichten als Passagier. Erst spät in der Nacht wurde ich mit einer Verwarnung und einem Eintrag in meine Schiffsakte entlassen. Ich hatte versprechen müssen, keine weiteren Verschwörungstheorien (so nannte er es) zu verbreiten. Das erwies sich allerdings schwieriger als angenommen, denn inzwischen merkte ich, dass ich einen Stein ins Rollen gebracht hatte, der sich nicht mehr aufhalten ließ. Immer mehr Menschen sprachen mich an, ob ich Neuigkeiten hätte. Irgendwann wartete sogar ein Pastor vor meiner Kabine auf mich und lud mich zu seiner Messe ein, um mich zurück auf den rechten Weg zu führen. Gertrud sparte nicht mit Spott und erinnerte mich bei jeder Gelegenheit daran, dass ich selbst schuld war.

Fünf Tage später saßen meine Frau und ich in einem der Cafés des Schiffes. Ein virtuelles Fenster neben uns zeigte eine Szene von der Copacabana, so echt, als wären wir wirklich dort. Inzwischen schien mich jeder an Bord zu kennen. Immer wieder schaute jemand zu mir herüber, als erwartete er, dass ich auch hier auf den Tisch sprang, um Neuigkeiten zu verkünden.

Maus saß auf Gertruds Schulter, ohne dass sie es bemerkte. Ich hatte sie gleich nach meiner Entlassung wieder aktiviert.

Der KI-Arzt auf der Krankenstation glaubt, dass du zu viel Langeweile hast und deshalb auf solche verrückten Ideen kommst. Er schlägt vor, dass du deine Freizeit sinnvoll nutzt.

Ich lachte gequält. »Was soll ich denn seiner Meinung nach machen?«

Du liebst doch Comics? Die Schiffs-KI könnte dir welche erstellen. Dann wärst du beschäftigt.

»Und wer soll sie zeichnen? Haben wir Lee, Barks oder Uderzo an Bord?«, fragte ich sarkastisch.

Ich denke nicht, aber die Schiffs-KI könnte ihre Stile kopieren.

»Nein danke. Ich bevorzuge die Originale. Eine KI-Kopie ist nicht dasselbe.«

Maus schwieg beleidigt.

Meine Frau und ich aßen Kirschkuchen mit viel Sahne, der nur deshalb nach Kirschen und Sahne schmeckte, weil unsere KIs es uns vorgaukelten, als mir jemand einen Zettel auf den Tisch legte. Ich schaute auf und sah nur noch einen Mann in einer dunklen Jacke, der Richtung Ausgang lief.

Ich hatte gehofft, dass meine persönliche KI nichts von der Übergabe mitbekommen hätte, aber natürlich entging Maus nichts.

Bist du schon wieder in ein Komplott verwickelt?, fragte er, während er den Hals reckte, um der Gestalt nachzuschauen. Als diese den Speisesaal verließ, funkelten seine großen, runden Augen mich an. Denk daran, du hast versprochen, keinen Ärger zu machen.

»Ich bin in nichts verwickelt«, brummte ich unhörbar für Gertrud.

Das sieht aber nicht so aus.

Unbemerkt nahm ich den Zettel vom Tisch, faltete ihn auseinander und las ihn in der hohlen Hand.

Jemand schrieb, dass ich mehr über die Besatzung erfahren könne, wenn ich sofort ins Museum kommen würde.

Maus sprang von Gertruds Schulter auf den Tisch, trat in ihren Kirschkuchen, ohne dass etwas geschah, und kam näher.

Du willst doch wohl nicht wirklich dorthin?, fragte er lauernd. Obwohl ich ihm nichts über den Inhalt des Zettels verraten hatte, wusste er genau, was darin stand. Schließlich stöberte er die ganze Zeit in den Neuronen meines Gehirns herum.

»Natürlich nicht«, log ich.

*

Während Gertrud sich über meinen Kuchen hermachte, war ich bereits auf dem Weg ins Museum. Maus hatte ich deaktiviert, damit er der Schiffs-KI nicht verraten konnte, was ich herausfinden würde. Ich hoffte, endlich Antworten auf die Fragen zu bekommen, die mich seit unserem Aufbruch quälten. Wenn tatsächlich zehntausend Menschen an Bord waren und der Flug nach Proxima Centauri dreißig Jahre dauern sollte, wie wollte man sie alle ernähren? Ich hatte Maus schon vor Wochen um eine Schätzung gebeten. Er meinte, dass mehr als 200.000 Tonnen Nahrung und knapp 300.000 Tonnen Wasser während des Fluges nötig wären. Natürlich recycelte die Terranova Trinkwasser und organische Abfälle. Trotzdem musste ein Schiff für zehntausend Menschen über gewaltige Ressourcen verfügen. Je länger ich darüber nachgedacht hatte, desto mehr Zweifel waren mir gekommen. Wenn meine Rechnung stimmte, ergab die offizielle Geschichte keinen Sinn. Gab es eine Verschwörung? Flogen wir wirklich nach Proxima Centauri oder war die ganze Reise nur eine einzige Lüge?

Der Treffpunkt war nicht wirklich ein Museum. Jemand von den Glücklichen hatte vor einiger Zeit damit begonnen, Dinge von der Erde auszustellen, um sich an die Heimat zu erinnern. Andere schlossen sich ihm an. Inzwischen war die Sammlung so groß, dass sie eine ganze Kabine füllte.

Ich war noch nie dort gewesen, obwohl das Museum auf meiner Ebene lag, und wurde von der Menge an Gegenständen in dem Raum regelrecht erschlagen. Vor mir in Regalen lagen Kuscheltiere, ein Plastiksouvenir des Pariser Eiffelturms, ein in Leder gebundenes Notizbuch, gleich ein Dutzend Schneekugeln mit verschiedenen Motiven und stapelweise Briefe und Postkarten. An den Wänden hingen Fotos und Namen von Menschen, die auf der Erde zurückgeblieben waren.

Ich war vom Anblick so überwältigt, dass ich stehen blieb. Man konnte die Erinnerungen in diesem Raum förmlich spüren. Meine Haut kribbelte und beinahe hätte ich das Kläffen des Hundes überhört, das aus einem Nebenraum kam.

Die Frau im Pelz stand in der Tür zu einem weiteren Raum und winkte mir hektisch zu.

In dem Raum standen weitere Erinnerungsstücke. Dazwischen warteten der tätowierte Mann, die Frau im Pelz mit ihrem Pudel und eine dritte Person auf mich.

Ich war enttäuscht. Was konnten diese drei für Geheimnisse kennen, die mir entgangen waren?

Die Frau im Pelz schloss hinter mir die Tür.

»Schön, dass Sie gekommen sind.«

Sie stellte sich als Baronin von Siedenburg vor. Der tätowierte Mann hieß Robert Rodenheim und die mir unbekannte Person Lukas Schmidt.

Ich sah sie der Reihe nach an. »Und sie wissen mehr über die Crew der Terranova als ich?«

Verwirrte Blicke.

Die Baronin schüttelte den Kopf. »Das nicht, aber wir haben einen Plan, wie wir es herausfinden können.«

Das hatte ich erwartet. »Dann bin ich also völlig umsonst gekommen«, stellte ich seufzend fest.

Ich wollte gehen, doch der Tätowierte hielt mich fest.

»Hören Sie doch erst einmal zu«, brummte er ärgerlich. Mir fiel ein Tattoo auf seinem Handgelenk auf: Ein Kreis, durchzogen von einem Schwert, das wie ein Schwert aussah.

Der Pudel schnupperte an meinem Hosenbein und knurrte mich an. Ich schaute zu ihm hinunter.

»Ist der echt?«, fragte ich.

»So echt, wie ein geklonter Hund nur sein kann«, antwortete von Siedenburg. »Hat mich ein Vermögen gekostet.«

»Wieso wohnen Sie dann im Quartier der Glücklichen? Sie könnten sich doch bestimmt ein Ticket in der ersten Klasse leisten.«

Von Siedenburg nickte und ihr Gesicht verfinsterte sich. »Das habe ich auch, aber als ich an Bord kam, hieß es plötzlich, dass keine Kabine mehr frei sei und ich bei den Glücklichen wohnen müsste.« Sie seufzte. »Was für eine Wahl hatte ich? Der Kapitän war für eine Beschwerde ja nicht zu sprechen. Also reise ich jetzt in einer winzigen, schäbigen Kabine und hoffe darauf, dass jemand von den Reichen stirbt und ich in seine Suite einziehen kann.«

»Wir alle sind hier, weil wir die Wahrheit erfahren wollen. Sie selbst sagten, dass wir belogen werden. Ich möchte nicht in dreißig Jahren erfahren, dass alles nur ein Experiment des Militärs war«, sagte der Tätowierte.

»Und wir haben einen Plan!« Von Siedenburg deutete auf den jungen Mann neben sich.

»Lukas hier arbeitet in der Wäscherei«, sagte sie.

Lukas nickte. »Und ich habe etwas gefunden.« Seine Augen leuchteten. »Es gibt dort einen unverschlossenen Wartungsschacht, der hinauf zu den oberen Ebenen führt. Mit etwas Glück kommt man durch den Schacht an den verschlossenen Schotten vorbei in die Kommandozentrale.«

»Und?«, fragte ich.

Von Siedenburg lächelte verlegen. »Ich bin zu alt für so eine Aktion und Robert hat’s im Rücken.«

Der Tätowierte nickte.

»Und ich arbeite in der Wäscherei. Da würde es auffallen, wenn ich durch den Schacht kriechen würde.«

Ich schaute sie fassungslos an. »Moment mal, ihr habt mich nur hierhergelockt, damit ich für euch durch den Schacht krieche?«

Dreifaches Kopfnicken.

»Sie suchen doch nach Antworten. Die finden Sie nur in der Kommandozentrale.«

»Wissen Sie, wie gefährlich das ist?«

Von Siedenburg winkte ab. »Was soll da schon passieren.«

Ich dachte an die Mathematikerin, die sich gewaltsam Zugang zur Brücke verschaffen wollte und von den Polizei-Bots übel zugerichtet worden war.

»Ich könnte geschnappt werden.«

Von Siedenburg zuckte mit den Achseln. »Sicher besteht ein Risiko, aber das besteht doch immer.«

Plötzlich sah ich die Augen der Baronin umherwandern.

Ich wich abrupt zurück. »Haben Sie etwa Ihre KI eingeschaltet?«

Sie sah mich vorwurfsvoll an. »Junger Mann, ich bin zweiundsiebzig Jahre alt. Ich brauche meine KI, um mir Dinge merken zu können.«

Ich konnte nicht glauben, was sie sagte. »Sie können doch keine KI mit zu einem Treffen mitbringen, in dem es um Pläne gegen eine KI geht. Ich verschwinde!«

Ich drehte mich um und stürmte aus dem Raum.

*

In den nächsten Tagen blieb ich in meiner Kabine und wartete darauf, dass die Polizei-Bots mich abholen würden. Was nicht geschah. Über die Tagesnachrichten erfuhr ich, dass Baronin von Siedenburg und ihre Begleiter auf dem Hauptdeck zu einer Demonstration aufgerufen hatten und durch das Schiff gezogen waren. Dabei hatten sie in Sprechchören meinen Namen gerufen. Am liebsten hätte ich ein Beiboot genommen und wäre zur Erde zurückgeflogen. Dummerweise waren wir schon zu weit entfernt und ich wäre dort nie angekommen. Wohin sollte das alles noch führen?

Maus stach mir mit dem Finger in die Seite – was ich zwar nicht spürte, aber sah.

Träumst du? Ich rede mit dir.

»Was willst du?«

Jemand möchte sich mit dir treffen.

Ich winkte ab. »Ich werde mich ganz sicher nicht wieder mit jemandem von den Passagieren treffen.«

Es ist kein Passagier.

*

Mein unbekannter Anrufer wollte sich mit mir in den hydroponischen Gärten des Schiffes treffen. Sie lagen im unteren Bereich des pfeilförmigen Raumschiffs. In riesigen, vertikalen Pflanzenwänden wuchsen hier Getreide, Gemüse und Obst. Um den für die Bestäubung unverzichtbaren Insekten eine natürliche Lebensgrundlage zu bieten, war die Anlage von einem eigens angepflanzten Wald umgeben. Eine grüne Oase inmitten der kalten Schiffstechnik.

Ich ging durch einen Park aus Laubbäumen, bis zu einem See. Eingerahmt in Büschen aus Gelb blühender Goldrute standen mehrere Holzbänke. Über mir erhob sich ein blauer Himmel, der im Gegensatz zu den Bäumen nicht echt war.

Hätte ich nicht gewusst, dass ich mich an Bord eines Raumschiffes befand, hätte ich geglaubt, dies wäre die Erde vor der Klimaerwärmung.

Ein paar Meter weiter saß ein Junge auf einer der Holzbänke und ließ die Füße baumeln. Er warf Steine ins Wasser.

Hier sollst du warten, sagte Maus. Ich setzte mich auf eine freie Bank.

Nach einem kurzen Moment stand der Junge auf und kam zu mir herüber.

Er streckte seine Hand aus.

»Hallo Johann. Ich bin Bob, der Kapitän der Terranova.«

Sekundenlang starrte ich das Kind an. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich hatte mit Klonen gerechnet, mit Androiden, mit einer Lüge über unser Ziel, aber nicht mit einem Grundschüler. Dann platzte es aus mir heraus:

»Soll das ein Scherz sein? Du bist doch höchstens elf Jahre alt.«

»Zehn, aber lassen Sie sich nicht von meinem Alter irritieren. Ich wurde seit meiner Geburt auf diese Mission vorbereitet. Genauso wie der Rest meiner Crew.«

»Aber du bist ein Kind!«, sagte ich.

»Genau das macht mich zu einem perfekten Kapitän. Ich weiß, es ist schwer zu glauben. Aber wenn Sie mir zuhören werden Sie es verstehen.«

»Ich verstehe gar nichts.«

»Wir sind dreißig Jahre lang unterwegs. Wie alt sind Sie, wenn wir Proxima Centauri erreichen? Sechzig, siebzig Jahre? Vielleicht sind Sie dann auch längst gestorben. Unsere Lebenserwartung hat sich durch die Umweltverschmutzung auf der Erde verkürzt. Keiner wird heute noch einhundert Jahre alt. Wenn ich Proxima Centauri erreiche, bin ich vierzig Jahre alt und weder dement noch gebrechlich. Meine Crew und ich werden das Schiff im Vollbesitz unserer geistigen und körperlichen Kräfte landen und uns in den nächsten Jahren um den Aufbau einer neuen Zivilisation kümmern können. Hätte man die Schiffsführung mit Erwachsenen besetzt, würden wir vielleicht nie ankommen.«

Er setzte sich neben mich.

»Aus diesem Grund halten wir uns von der Crew auch bedeckt und leben in einem eigenen Bereich. Wenn herauskäme, dass die Terranova von Kindern gesteuert würde, käme es zu einem Aufstand.« Er kicherte. »Kein Erwachsener lässt sich gerne etwas von einem Kind befehlen.«

Meine Gedanken drehten sich in einer Spirale. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er sah zwar aus wie ein Kind, aber er sprach wie ein Erwachsener. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, was er in den letzten zehn Jahren über sich hatte ergehen lassen müssen.

»Und was erwartest du jetzt von mir?«, fragte ich schließlich.

»Dass Sie für Ruhe sorgen. Erzählen Sie den anderen, dass Sie mit dem Kapitän gesprochen haben und dass alles in Ordnung ist.« Er zwinkerte mir zu. »Aber sagen Sie ihnen bloß nicht, wie alt ich bin.«

Er wollte aufstehen, doch ich hatte nicht vor, mich so leicht abspeisen zu lassen.

»Warte! Wenn ich dir glauben soll, musst du mir zuerst noch einige Fragen beantworten.«

»Was willst du wissen?«

Ich dachte an die Schätzungen, die mir Maus genannt hatte. »Wie wollt ihr zehntausend Menschen dreißig Jahre lang ernähren? Dazu haben wir niemals genug Lebensmittel an Bord.«

»Das müssen wir auch nicht. Viele von den Passagieren werden während des Fluges sterben.«

Ich zuckte zusammen.

Er kicherte erneut. »Keine Sorge, wir haben nicht vor, sie zu töten. Das erledigt schon die Natur.«

Er fing wieder an, mit den Beinen zu wippen. »Es dauert lange, um Reichtum anzuhäufen. In der ersten Klasse beträgt das Durchschnittsalter der Passagiere zweiundsechzig Jahre. Alleine in den ersten Jahren werden dort zwanzig Prozent an Altersschwäche oder Krankheiten sterben und Ressourcen und Platz freigeben.«

»Und wie wollen wir eine neue Kolonie auf Proxima gründen, wenn die Passagiere reihenweise sterben?«, fragte ich zynisch.

»Oh, nur die in der ersten Klasse.« Er deutete auf mich. »Die wahren Kolonisten seid ihr, die Glücklichen. Ihr seid jung und ihr werdet Proxima Centauri kolonisieren.«

»Warum habt ihr dann überhaupt so viele Reiche mitgenommen?«, fragte ich.

»Weil jemand den Bau des Schiffes bezahlen musste.«

Ich hatte recht gehabt, es gab wirklich eine Verschwörung an Bord, doch die richtete sich nur gegen die Passagiere in der ersten Klasse.

»Also haben wir genug Lebensmittel und Wasser an Bord des Schiffes?«

»Das haben wir. Außerdem wird ein Großteil der Ressourcen ständig recycelt.«

Mir kam ein Gedanke. »Was ist mit Neugeborenen? Wie könnt ihr wissen, dass die Männer und Frauen ihre Freizeit nicht mit ...« Ich ließ den Rest unausgesprochen.

Er lachte schallend. »Oh, das tun sie schon jetzt. Sie haben eben zu viel Zeit. Deshalb mischen wir eine Substanz ins Essen, die die Fruchtbarkeit senkt. Wir steuern, wann und wie viele Babys geboren werden dürfen.«

Seine klaren Worte entsetzten mich. Er machte nicht einmal Anstalten zu lügen. Vielleicht hatte er das auch nie gelernt.

Jetzt stand der Junge auf. »Ich habe ja noch was für Sie.« Er lief zu seiner Parkbank und kam mit einem Heft in der Hand zurück.

»Ich dachte mir, Sie freuen sich vielleicht darüber.«

Er reichte mir einen Micky Maus-Comic.

»Das ist der Nachdruck von Heft Nummer 1. Keine Kopie, sondern der Originalnachdruck von 2039.«

Ich sah ihn verblüfft an. »Aber ...«

Er grinste übers ganze Gesicht.

»Sie sind eben nicht der einzige Comicfan an Bord der Terranova.«

Dann verabschiedete er sich und ging davon.

Das ist ja mal eine Wendung, sagte Maus neben mir.

Ich blickte auf den Comic in meiner Hand. Hatte ich das gerade wirklich erlebt? Und war dieses Heft tatsächlich ein Original? Oder war es eine Fälschung und Kapitän Bob nur eine Computersimulation, erzeugt von der Schiffs-KI wie Maus?

Ich strich mit den Fingern über das zerknitterte Heft. Ich wusste es nicht, aber ich würde es herausfinden. Irgendwann. Schließlich hatte ich noch dreißig Jahre Zeit.

Über den Autor

Uwe Hermann, geboren 1961 in Sulingen, ist ein preisgekrönter deutscher Science-Fiction-Autor. Seine schriftstellerische Laufbahn begann in den 1990er-Jahren und umfasst heute weit über einhundertdreißig Kurzgeschichten sowie mehrere Romane. In seinen Werken verbindet er technologische Visionen oft mit humorvoller Satire und scharfsinniger Gesellschaftskritik.

Für sein Schaffen wurde er mit den renommiertesten Preisen des Genres ausgezeichnet, darunter mehrfach der Kurd Laßwitz Preis (u. a. 2022 für den Roman Nanopark) und der Deutsche Science-Fiction-Preis. Seine Erzählungen erscheinen regelmäßig in Publikationen wie der c’t oder dem Magazin EXODUS; zuletzt erschienen sein siebter Erzählungsband "Mein Mensch und ich" und die Novelle "Die Station der unnatürlich begabten Kinder".

Uwe Hermann lebt und arbeitet in Niedersachsen.

www.UweHermann.com