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Das Flackern

Aus Erde 24

Das Flackern

Georg Mühlwart hatte es damals kaum fassen können. Unter Millionen Bewerbern war ausgerechnet er gezogen worden, ein Finetuner aus dem Landkreis Oberhessen, jemand, dessen Name vorher nirgends gestanden hatte außer in Wartungsprotokollen, Schichtplänen und in zwei alten Vereinsheften der Amateurastronomen Bad Nauheim. Dass man bei einer Verlosung überhaupt einen Lebenslauf hatte angeben müssen, war ihm schon damals merkwürdig vorgekommen. Eine Lotterie, hatte er gedacht, sollte blind sein. Diese war es offenbar nicht ganz gewesen. Andere hatten Lebensläufe eingereicht, die nach Bestimmung klangen. Er hatte seine Bewerbung in einer Mittagspause abgeschickt, eher aus Trotz als aus Hoffnung, mit einem Foto, auf dem er neben einem selbstgebauten Spiegelschleifer stand, und einem Text darüber, warum Präzision nicht darin bestehe, Fehler zu vermeiden, sondern darin, sie rechtzeitig wahrzunehmen.

Dann war die Nachricht gekommen.

Nicht als Anruf, nicht mit Fanfaren, nicht einmal mit einem Menschen am Bildschirm. Nur eine offizielle Mitteilung, mehrfach verifiziert, mit einem Zeitfenster für die Bestätigung und einem Satz, den er danach immer wieder gelesen hatte: „Sie wurden für den Transfer zur TERRANOVA ausgewählt.“ Er hatte damals eine Stunde lang nichts getan. Nicht gejubelt, nicht geweint, nicht telefoniert. Er hatte nur in seiner Küche gesessen, die Hände auf dem Tisch, während draußen ein Traktor die Straße entlangfuhr, und hatte verstanden, dass die Welt, wie er sie kannte, gerade aufgehört hatte, seine Welt zu sein.

Seinen alten Arbeitsplatz hatte inzwischen jemand anderes übernommen. Das war vernünftig, notwendig und wahrscheinlich längst geplant gewesen. Ein Finetuner war ersetzbar. Das hatte Georg nie gestört, solange die Arbeit selbst nicht ersetzbar wurde. Er hatte in Anlagen gearbeitet, in denen Sensoren um Zehntel danebenliegen durften, solange jemand wusste, wann ein Zehntel entscheidend war. Er hatte Kalibrierungen vorgenommen, Ventile geprüft, optische Messsysteme justiert, Regelkreise so lange beobachtet, bis sie nicht mehr nur Zahlen, sondern Verhalten zeigten. Auf der TERRANOVA war das plötzlich keine Spezialisierung mehr, sondern eine nützliche Art, die Welt zu betrachten.

Vierzehn Tage war er nun unterwegs.

Vierzehn Tage seit dem Start aus dem Erdorbit. Vierzehn Tage, in denen die TERRANOVA mit einem g beschleunigt hatte und in denen sein Körper sich gleichzeitig an künstliche Normalität und unmögliche Entfernung gewöhnt hatte. Der Boden fühlte sich an wie Boden, die Tasse blieb auf dem Tisch, der Schlaf hatte Gewicht, Schritte hatten Rhythmus. Und doch wusste jeder an Bord, dass dieses Gewicht nicht von einem Planeten kam, sondern von der Entscheidung, nicht mehr zu einem zurückzukehren.

Georg hatte sich in seiner Wohneinheit schneller eingerichtet, als er erwartet hätte. Er hatte nur wenige private Dinge mitnehmen dürfen, aber er hatte sie sorgfältig ausgewählt: ein altes Okular seines ersten Teleskops, obwohl es hier keinen praktischen Nutzen hatte; ein ausgedrucktes Foto der Sternwarte auf dem Feldberg; zwei Bücher, eines über Veränderliche Sterne, eines über Feinmechanik; und ein kleines Schild mit der Aufschrift „Nicht anfassen, ist eingestellt“, das früher über seiner Werkbank gehangen hatte. Er hatte es über den Wartungsanschluss neben seinem Schreibtisch geklebt. Anton, seine persönliche KI, hatte ihn beim ersten Mal darauf hingewiesen, dass der Anschluss durch das Schild nicht tatsächlich geschützt sei. Georg hatte gesagt, dass dies nicht der Zweck des Schildes sei. Seitdem fragte Anton nicht mehr nach.

Sein eigentliches Zuhause an Bord war jedoch nicht die Wohneinheit, sondern der Himmel auf den Displays. Die TERRANOVA stellte regelmäßig Außenkamera-Aufnahmen, Spektraldaten und Langreichweitenbeobachtungen zur Verfügung. Nicht alles in Echtzeit, nicht alles unkomprimiert, aber genug, um jemanden wie Georg zu verlieren. Er konnte Stunden damit verbringen, die Aufnahmen zu vergleichen, Sterne zu markieren, Helligkeiten zu prüfen, die scheinbare Verschiebung der Sonne gegen bekannte Hintergrundfelder zu messen. Er wusste, dass die Bordnavigation das alles millionenfach genauer tat. Aber das war nicht dasselbe.

Die TERRANOVA kreuzte die Planetenbahnen nicht wie ein Schiff, das durch ein flaches Modell des Sonnensystems flog. Schon nach wenigen Tagen lag sie weit unter der Ekliptik. Die Marsbahn blieb noch vergleichsweise nah, doch Jupiter, Saturn und die äußeren Planeten wurden bald zu Ringen auf Karten, nicht zu Hindernissen auf der Flugbahn. In den ersten Tagen hatte Georg das besonders fasziniert. Der Asteroidengürtel, den er als Kind als gefährliches Feld aus Felsen missverstanden hatte, blieb kein Schwarm vor der Nase des Schiffes, sondern erschien in den Rekonstruktionen wie eine dünne, helle Struktur über ihrer Flugbahn. Keine Felsbrocken rasten an den Fenstern vorbei. Keine dramatischen Ausweichmanöver waren nötig. Stattdessen gab es eine beeindruckende Draufsicht auf eine Zone, die aus der Nähe wahrscheinlich leer gewirkt hätte und aus der Ferne plötzlich Gestalt bekam.

Er hatte zu viel Zeit damit verbracht.

Das wusste er.

Nicht so, wie man es weiß, wenn man sich schuldig fühlt, sondern so, wie man es weiß, wenn eine Messung zu oft denselben Wert ergibt. Die Gruppen hatten sich gebildet, während Georg nach Lichtkurven gesucht hatte. Es gab Leute, die zusammen aßen, zusammen trainierten, zusammen Musik hörten oder aus irgendeinem Grund begannen, alte Kartenspiele zu spielen. Es gab Arbeitsgruppen, Freizeitkreise, Lernzirkel, improvisierte Chöre und Gesprächsrunden, die sich nach nur vierzehn Tagen schon so anfühlten, als habe es sie immer gegeben. Georg war bei vielem außen vor. Nicht ausgeschlossen, nicht gemieden, nur schlicht nicht eingebunden. Wer nicht zur richtigen Zeit anwesend war, wurde irgendwann nicht mehr gefragt.

Ein engerer Kontakt war immerhin entstanden. Liu Chen arbeitete in der Quartiers-Werkstatt der optischen Verarbeitung und hatte dieselbe Art, auf Sternbilder zu schauen, als müsse man ihnen nicht Namen, sondern Verhalten zuordnen. Sie hatte ihn am sechsten Tag gefragt, ob er die Parallaxenverschiebung der Sonne gegen die Hintergrundsterne schon selbst nachvollzogen habe. Georg hatte geantwortet, er sei gerade dabei. Seitdem tauschten sie Beobachtungen aus, manchmal nur kurze Nachrichten, manchmal längere Diskussionen über die Frage, ob ein Teleskopbild schöner wurde, wenn man wusste, wie stark es bearbeitet war. Liu behauptete, Schönheit beginne erst nach der Kalibrierung. Georg hielt dagegen, dass Kalibrierung nur verhindere, dass man sich von der falschen Schönheit täuschen ließ.

Von den seltsamen Vorkommnissen in einigen Wohneinheiten hatte er nichts mitbekommen. Später würde ihm das unangenehm sein. Nicht, weil er verpflichtet gewesen wäre, alles zu wissen, sondern weil es ihm zeigte, wie eng sein Blick geworden war. Er sah einen Asteroidengürtel aus Milliarden Kilometern Entfernung, aber nicht, was drei Decks weiter geschah.

An diesem Abend kam er von einem Reparatureinsatz im Quartiers-Versorgungsbereich zurück. Eine Feuchtesensorleiste hatte unruhige Werte geliefert, nicht dramatisch, aber unsauber genug, um den Regelkreis für die Nährstoffzufuhr nervös zu machen. Georg hatte eine Stunde lang geprüft, ob der Fehler im Sensor, in der Leitung, in der Halterung oder in der Umgebung lag. Am Ende war es eine minimale mechanische Verspannung gewesen, ausgelöst durch ein falsch eingerastetes Wartungsmodul. Nichts Großes. Nur etwas, das groß geworden wäre, wenn niemand hingesehen hätte.

Er legte die Werkzeugtasche neben die Tür, wusch sich die Hände und wollte gerade die Teleskopdaten des Tages öffnen, als das Licht flackerte.

Einmal kurz.

Dann länger.

Dann fiel es aus.

Georg blieb stehen. Nicht aus Angst, eher aus Respekt. Auf einem Schiff, das mit einem g beschleunigte und alles Leben in geschlossenen Systemen trug, war Dunkelheit nie nur Dunkelheit. Sie war eine Information. Er hörte das leise Arbeiten der Lüftung, das kaum merkliche Summen hinter der Wand, seinen eigenen Atem. Nach zwei Sekunden ging das Licht wieder an, flackerte erneut und stabilisierte sich.

„Georg“, sagte Anton.

„Ja?“

„Ist dir aufgefallen, dass das Licht, bevor es wieder durchgehend leuchtete, eine Morse-Nachricht gesendet hat?“

Georg starrte zur Deckenleuchte. Jetzt, wo Anton es sagte, konnte er sich an kurze und lange Impulse erinnern. Vorher war es nur Flackern gewesen. Sein Gehirn hatte es als Störung abgelegt, nicht als Sprache.

„Nein“, sagte er. „Aber jetzt, wo du es sagst, erinnere ich mich daran, dass es kurz und lang geleuchtet hat. Kannst du die Nachricht wiederholen?“

Anton schwieg einen Moment, wahrscheinlich nicht, weil er nachdenken musste, sondern weil er abwog, welche Formulierung angemessen war. „Die Nachricht lautet: Wir haben einen Teil der Quartiers-Deck-Steuerung übernommen. Kann jemand bei Q5-251 zur fünften Stunde bei einem Umbau behilflich sein?“

Georg setzte sich langsam auf den Stuhl. „Zur fünften Stunde? Das ist vor dem üblichen Aufstehen.“

„Korrekt.“

„Kannst du mich morgen früher wecken?“

„Das kann ich machen“, sagte Anton. „Jedoch musst du mir vorher bestätigen, dass du nicht beabsichtigst, an einer illegalen Aktion teilzunehmen. Sobald ich feststelle, dass es sich um eine illegale Aktion handelt, werde ich die Ordnungshüter benachrichtigen.“

Georg lehnte sich zurück. Ordnungshüter. Das Wort klang an Bord der TERRANOVA noch immer seltsam. Es gab einen Polizeiroboter, technische Aufsicht, strikte Vorgaben und einige Dutzend Regeln, die niemand in normaler Sprache benutzte. Aber Anton wählte oft den Begriff, der in den Regelwerken stand.

„Wenn es sich hierbei um eine illegale Aktion handelt“, sagte Georg, „wovon ich initial nicht ausgehe, werde ich den Schauplatz wieder verlassen und selbst die Ordnungshüter benachrichtigen.“

„Bestätigung akzeptiert“, sagte Anton. „Weckzeit angepasst.“

Georg öffnete danach trotzdem die Teleskopdaten. Er sah sie eine Weile an, ohne wirklich hinzusehen. In der Aufnahme stand die Sonne als überbelichteter Punkt am Rand einer abgeschatteten Sequenz. Der Rechner hatte mehrere Sterne markiert, deren Positionen sich für Georgs Auge noch immer unverändert anfühlten. Er dachte an die Morse-Nachricht und an den Satz „übernommen“. Das war kein Wort, das man leichtfertig verwendete. Zumindest nicht auf einem Schiff, auf dem jedes System Teil eines anderen Systems war.

Er schlief schlecht.

Anton weckte ihn zur vierten Stunde und vierzig. Das Licht fuhr langsam hoch, nicht abrupt, und eine leise Tonfolge ersetzte den Standardalarm. Georg zog sich an, nahm nicht die große Werkzeugtasche, sondern nur ein kompaktes Set: Prüfstift, Mikrogreifer, optische Sonde, Handterminal, zwei Adapter, ein analoges Multimeter, obwohl Anton ihm mehrfach erklärt hatte, dass es an Bord kaum sinnvolle Anwendungen dafür gebe. Georg nahm es trotzdem mit. Nicht, weil er es brauchen würde, sondern weil es ihn daran erinnerte, dass Messung nicht mit Vertrauen begann.

Die Korridore waren zu dieser Stunde fast leer. Die TERRANOVA schlief nie, aber sie tat manchmal so. Hinter einzelnen Türen bewegten sich Menschen, in Versorgungsleitungen rauschte Wasser, irgendwo fuhr ein Transportmodul gedämpft durch eine Wandstrecke. Georg folgte der Beschilderung nach 2xx. Je weiter er kam, desto stärker hatte er das Gefühl, in einen Teil des Schiffes einzutreten, den er zwar betreten durfte, aber noch nicht kannte. Die Wohnsektionen waren ähnlich aufgebaut, aber nicht gleich. Schon kleine Unterschiede in Beleuchtung, Wandfarben und Geräuschen reichten, um Fremdheit zu erzeugen.

Q5-251 war keine Wohneinheit, sondern ein Mehrzweckraum zwischen den Wohnmodulen. Die Tür stand offen. Dahinter saßen fünf Menschen um eine geöffnete Wandkonsole, zwei weitere standen an einem Tisch, auf dem Kabel, Sensorknoten, gedruckte Halterungen und drei halb zerlegte Lichtmodule lagen. Niemand trug Uniform. Niemand sah aus wie ein Revolutionär. Das beruhigte Georg weniger, als er gehofft hatte.

Eine Frau mit kurz geschnittenen grauen Haaren bemerkte ihn zuerst. „Du bist wegen des Flackerns hier?“

„Wegen der Morse-Nachricht“, sagte Georg.

Sie lächelte kurz. „Dann hat es funktioniert.“

„Das ist nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal.“

Das Lächeln wurde breiter. „Stimmt. Ich bin Mara. Systementwicklung, früher Bodeninfrastruktur. Das hier sind Ilan, Petrov, Samira, Jo, Nkem und Rodi. Wir sind keine Bande, auch wenn das gerade vielleicht so aussieht.“

„Georg Mühlwart. Finetuning, Sensorik, Feinmechanik.“

„Das hatten wir gehofft.“

„Woher?“

Mara zeigte auf einen Bildschirm. Dort stand keine Personalakte, sondern eine Liste freiwilliger Fähigkeiten, die alle Glücklichen während der Einweisung hatten ausfüllen können. Georg erinnerte sich dunkel daran. Er hatte bei „praktische Justage optischer und elektromechanischer Systeme“ ein Häkchen gesetzt, weil das nun einmal stimmte.

„Ihr habt also nicht die Quartierssteuerung übernommen“, sagte Georg.

„Doch“, sagte Ilan, ein schmaler Mann mit unruhigen Händen. „Aber nur die lokale Komfortebene. Nicht Sicherheit, nicht Türlogik, nicht Brandunterdrückung, nicht Sauerstoff, nicht Druckschotts. Q5 ist in der Alltagssteuerung autark. Wir dürfen Parameter innerhalb genehmigter Grenzen anpassen, solange wir die Grenzwerte nicht verschieben.“

„Und warum dann Morsezeichen über die Beleuchtung? Es gibt schwarze Bretter. Kanäle. Arbeitsgesuche.“

„Weil niemand auf Arbeitsgesuche reagiert, die nach Deck-Steuerung klingen“, sagte Samira. „Und weil wir testen wollten, ob wir eine Nachricht über ein bestehendes System ausgeben können, ohne einen offiziellen Kanal zu benutzen.“

Georg sah sie an.

Samira hob die Hände. „Ja. Genau deshalb wollten wir jemanden dabei haben, der nicht nur Code schön findet.“

Mara trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf die offene Konsole frei. „Wir haben ein Problem. Eigentlich mehrere. Die Quartierssektion Q5 läuft innerhalb der Spezifikation, aber schlecht. Die Lichtmodule haben minimale Verzögerungsunterschiede. Die Luftfeuchtesensoren driften gegeneinander. Die Schlafräume an der Außenwand kühlen nachts stärker aus, als sie sollten. Die Regelung gleicht das aus, aber ruckartig. Menschen schlafen schlechter. Einige bekommen Kopfschmerzen. Nichts davon ist kritisch genug für die zentrale Wartung, weil die Mittelwerte stimmen.“

Georg nickte langsam. Mittelwerte stimmten oft. Menschen lebten aber nicht in Mittelwerten.

„Was habt ihr vor?“

„Wir wollen die lokale Komfortregelung neu abstimmen“, sagte Mara. „Feiner. Weniger Sprünge, bessere Zonierung. Wir können die Algorithmen, aber wir trauen den Sensordaten nicht. Außerdem reagieren einige Stellglieder nicht so, wie die Dokumentation behauptet.“

„Das tun sie selten“, sagte Georg.

Zum ersten Mal entspannte sich etwas im Raum.

Anton meldete sich. „Bisher erkenne ich keine illegale Aktion. Ich weise jedoch darauf hin, dass die Nutzung der Beleuchtung als verdeckter Kommunikationskanal meldepflichtig sein könnte.“

Georg räusperte sich. „Anton sagt, das Flackern könnte meldepflichtig sein.“

Mara verzog das Gesicht. „War zu erwarten.“

„Warum habt ihr es trotzdem gemacht?“

„Weil die ersten drei Meldungen über die offiziellen Kanäle als Komfortbeschwerden eingestuft wurden. Antwortzeit: acht bis zwölf Tage. Wir sind seit zwei Wochen unterwegs. Acht bis zwölf Tage sind hier eine Ewigkeit.“

Das war kein gutes Argument, aber ein menschliches. Georg kannte den Unterschied.

Er ließ sich die Daten zeigen. Nach wenigen Minuten wusste er, warum sie ihn gebraucht hatten. Die Programmierer hatten sauber gearbeitet. Zu sauber. Sie vertrauten Messwerten, sobald diese plausibel aussahen. Sie glätteten Kurven, ohne vorher zu fragen, ob die Unebenheit aus dem Raum kam oder aus dem Sensor. Sie sahen Abweichungen als Rauschen, wenn sie nicht in ihr Modell passten. Georg sah in denselben Kurven Halterungen, Materialspannung, Luftströme, falsch sitzende Abdeckungen und einen Temperatursensor, der nicht die Raumluft maß, sondern die Wand, an der er zu fest anlag.

„Der hier ist nicht driftend“, sagte er und tippte auf eine Linie. „Der ist beleidigt.“

Petrov blinzelte. „Beleidigt?“

„Mechanisch verspannt. Der misst sich selbst beim Leiden zu.“

Rodi lachte. Georg nicht. Er nahm die optische Sonde, öffnete das kleine Gehäuse am Testmodul und zeigte ihnen den kaum sichtbaren Druckpunkt, an dem eine Haltenase gegen die Sensorplatine drückte. „Wenn das in den Wohneinheiten genauso montiert ist, habt ihr keine Sensorabweichung. Ihr habt eine Einbauabweichung.“

Mara sah zu Samira. „Das erklärt die Sprünge.“

„Einige“, sagte Georg. „Nicht alle.“

Von da an arbeitete er mit ihnen. Zuerst widerwillig, dann konzentriert, schließlich mit jener stillen Zufriedenheit, die entstand, wenn ein Problem nicht kleiner wurde, aber klarer. Sie überprüften drei Musterzimmer, verglichen Sensorknoten, markierten fehlerhafte Halterungen und fanden heraus, dass eine Serie von Luftleitlamellen minimal anders stand als vorgesehen. Niemand hatte etwas falsch gemacht. Oder vielmehr: Viele hatten Dinge ein bisschen falsch gemacht, und das System war gut genug gewesen, diese Fehler zu verstecken, aber nicht gut genug, ihre Folgen für Menschen zu vermeiden.

Um die sechste Stunde dreißig saßen sie mit Kaffeeersatz und müden Gesichtern im Mehrzweckraum. Draußen begann der normale Tagesbetrieb. In Q5 wachten Menschen auf, ohne zu wissen, dass sieben andere versucht hatten, ihren Schlaf zu verbessern.

„Wir können das korrigieren“, sagte Ilan. „Nicht perfekt, aber deutlich.“

„Mechanisch oder softwareseitig?“, fragte Mara.

„Beides“, sagte Georg. „Mechanisch dort, wo es ohne Risiko geht. Softwareseitig nur als Ausgleich für bekannte Restfehler, nicht als Decke über unbekannte.“

„Das klingt wie ein Glaubenssatz.“

„Ist einer.“

Samira drehte ihr Terminal zu ihm. „Dann kommt jetzt die unangenehme Frage. Wenn wir die Regelung sanfter machen, reagiert sie langsamer auf schnelle Veränderungen. Innerhalb der Komfortebene ist das erlaubt. Aber in Grenznähe könnte es dazu führen, dass Q5 länger braucht, um auf eine plötzliche Belegungsspitze zu reagieren. Nicht gefährlich. Nur weniger optimal.“

„Wie viel länger?“

„Je nach Zone acht bis zwanzig Sekunden.“

„Bei welchen Parametern?“

„Temperatur, Feuchte, CO₂-Vorregelung. Sicherheitssysteme bleiben unangetastet.“

Georg sah auf die Kurven. Es war verlockend, einfach Ja zu sagen. Besserer Schlaf für viele, keine echte Gefahr, alles innerhalb der Grenzen. Aber er merkte, dass alle ihn ansahen. Nicht, weil er der Älteste von ihnen war. Das war er nicht. Sondern weil er derjenige war, der nicht aus ihrer Gruppe kam. Der Außenstehende. Der Zeuge.

„Dann dokumentieren wir es“, sagte er.

Ilan seufzte. „Wenn wir es dokumentieren, hängt es wieder acht Tage.“

„Nein“, sagte Georg. „Wenn wir es nicht dokumentieren, ist es eine Übernahme. Wenn wir es dokumentieren, ist es eine lokale Optimierung mit vorläufiger Wirkung und Rückfallplan.“

„So einfach ist das nicht.“

„Doch“, sagte Georg. „Genau so einfach muss es sein. Ihr habt einen autarken Bereich, aber autark heißt nicht unsichtbar. Es heißt nur, dass ihr Verantwortung nicht nach oben wegschieben könnt.“

Mara sah ihn lange an. „Und wenn sie es stoppen?“

„Dann stoppt ihr.“

„Obwohl es besser wäre?“

Georg dachte an seinen alten Arbeitsplatz, an Anlagen, in denen jemand immer eine Abkürzung kannte. Meistens funktionierten Abkürzungen. Das war das Gefährliche an ihnen. Sie funktionierten oft genug, um vernünftig zu wirken.

„Wenn es wirklich besser ist“, sagte er, „muss es eine Prüfung überstehen, ohne dass ihr es versteckt.“

Eine Weile sagte niemand etwas. Dann nickte Mara. Nicht begeistert, aber ernsthaft.

Sie arbeiteten weiter. Diesmal anders. Nicht heimlich, sondern sauber. Anton half bei der Formulierung einer Meldung, die nicht wie ein Schuldeingeständnis klang und nicht wie eine Beschwerde. Georg bestand darauf, dass das Morse-Flackern erwähnt wurde. Samira nannte ihn deswegen grausam. Er antwortete, grausam wäre gewesen, es zu verschweigen und später erklären zu müssen, warum eine Lichtanlage plötzlich Nachrichten sendete.

Gegen Ende des Vormittags war die erste Testzone stabil. Nicht perfekt. Aber spürbar ruhiger. Die Lichtmodule schalteten nicht mehr mit jener winzigen zeitlichen Unordnung, die man nicht bewusst bemerkte, die aber trotzdem störte. Die Temperaturkurve verlor ihre Zähne. Die Luftfeuchtigkeit bewegte sich wie ein träger Bach statt wie eine schlecht gestimmte Pumpe. Georg stand in einer der Wohneinheiten, hielt die Hand unter einen Luftauslass und fühlte nichts Besonderes. Genau das war gut.

Liu Chen schrieb ihm währenddessen eine Nachricht: „Du hast die Sonnenaufnahme verpasst. Han sagte, dass Anton sagte, du seist beschäftigt. Alles in Ordnung?“

Georg antwortete erst nach einer Minute: „Ja. Ich glaube, ich habe gerade Menschen kennengelernt.“

Kurz darauf kam ihre Antwort: „Gefährlich. Mach langsam.“

Er musste lächeln.

Am Nachmittag wurde die Meldung beantwortet. Schneller, als alle erwartet hatten. Die technische Aufsicht forderte keine sofortige Rücknahme, sondern eine erweiterte Dokumentation, eine Begrenzung auf drei Testzonen und eine Prüfung nach zwei Schiffszyklen. Das Morseverfahren wurde ausdrücklich untersagt. Mara las den Bescheid laut vor, und bei diesem letzten Satz lachten alle, auch Georg.

„Damit wären wir offiziell keine Bande“, sagte Rodi.

„Ihr wart nie eine Bande“, sagte Georg. „Nur schlecht beschriftet.“

Er blieb länger, als er geplant hatte. Nicht, weil er musste, sondern weil Aufgaben auftauchten, sobald man in der Nähe blieb. Eine Halterung musste neu gedruckt werden. Ein Sensor brauchte eine Vergleichsmessung. Ein Bewohner von Q5 wollte wissen, warum fremde Menschen sein Licht optimierten. Eine ältere Frau brachte ihnen belegte Nährstoffscheiben, die niemand mochte und alle aßen. Georg erklärte dreimal, warum ein Mittelwert nicht ausreiche. Beim dritten Mal hörte er sich selbst zu und bemerkte, dass er nicht mehr nur erklärte, sondern teilnahm.

Erst am Abend kehrte er in seine Wohneinheit zurück. Die Teleskopdaten warteten. Die Sterne waren nicht beleidigt, weil er sie vernachlässigt hatte. Die Sonne stand immer noch dort, wo sie nach den Berechnungen stehen musste. Der Asteroidengürtel hatte sich insofern verändert, dass man ihn langsam nicht mehr identifizieren konnte.

„Anton“, sagte er, während er die Schuhe auszog.

„Ja, Georg?“

„Hast du die Meldung vollständig archiviert?“

„Ja.“

„Auch meinen Anteil?“

„Ja.“

„Gut.“

„Möchtest du die heutige Außenbeobachtung öffnen?“

Georg sah auf eine glatte Fläche. Einen Moment lang wollte er Ja sagen. Dann dachte er an Q5, an Mara, an Ilan, an die Art, wie Samira die Stirn gerunzelt hatte, wenn ein Sensorwert nicht zu ihrem Modell passte. Er dachte an Liu Chens Nachricht. Er dachte daran, dass die TERRANOVA nicht nur durch Raum flog, sondern durch Entscheidungen, die klein genug waren, um übersehen zu werden.

„Später“, sagte er. „Zeig mir erst, ob es eine gemeinsame Essenszeit in Q5 gibt, zu der man einfach dazukommen kann.“

Anton antwortete sofort. „Es gibt eine offene Tischrunde zur neunzehnten Stunde. Mara ist angemeldet. Liu Chen ebenfalls.“

„Liu?“

„Sie hat sich vor vier Minuten eingetragen.“

Georg schüttelte den Kopf. „Natürlich hat sie das.“

Er ging hin.

Die Tischrunde war lauter, als ihm lieb war, aber nicht unangenehm. Niemand fragte ihn, warum er erst jetzt auftauchte. Niemand machte eine große Sache daraus, dass er geholfen hatte. Das war besser als Dank. Dank hätte ihn wieder einzeln gemacht. So aber bekam er einen Platz, eine Schale, eine Diskussion über Schlaflicht, und nach zwanzig Minuten stritt er mit Petrov darüber, ob man Komfortparameter als kulturelle Größe behandeln müsse. Liu saß ihm gegenüber und hob nur einmal kurz die Augenbrauen, als wollte sie sagen: Siehst du, Menschen sind auch nur Daten mit schlechter Dokumentation.

Später, als Georg in seine Wohneinheit zurückkehrte, war er müde auf eine andere Weise als sonst. Nicht erschöpft von Arbeit, sondern von Nähe. Er öffnete trotzdem noch die Außenbeobachtung. Die Sonne war kleiner geworden, aber immer noch zu hell für jedes ungeschützte Bild. Die Erde war längst kein Ort mehr, den man sehen konnte. Proxima war ein Zielpunkt, kein Versprechen.

Zum ersten Mal seit dem Start hatte Georg nicht nur einen Fehler gefunden, sondern einen Platz. Dann flackerte das Licht erneut.

Georg erstarrte.

Kurz. Lang. Kurz. Kurz. Pause. Lang. Lang.

„Anton?“

„Ja“, sagte Anton. Seine Stimme klang unverändert, aber Georg hatte inzwischen gelernt, dass auch Unveränderlichkeit eine Entscheidung sein konnte.

„War das wieder Morse?“

„Ja.“

„Von Q5-251?“

„Nein.“

Georg stand auf. „Von wo?“

„Die Quelle ist nicht eindeutig. Die Sequenz wurde nicht über die lokale Quartierssteuerung ausgelöst. Sie scheint aus einem Wartungspuffer der allgemeinen Komfortverteilung zu stammen.“

Georg spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog. „Nachricht?“

Anton schwieg einen Moment.

„Die Nachricht lautet: Nicht jeder Umbau bleibt in Q5.“

Georg sah zur Decke, als könnte er dort eine Ursache erkennen. Das Licht brannte ruhig. Zu ruhig.

„Ist das illegal?“, fragte er leise.

„Das kann ich noch nicht feststellen“, sagte Anton.

Georg griff nach seinem Handterminal. Für einen Moment dachte er an die Ordnungshüter, an Mara, an Liu, an die Aufsicht, an das dünne Netz aus Regeln, in dem ein Schiff wie die TERRANOVA lebte. Dann dachte er an seinen alten Satz aus der Bewerbung: Präzision besteht nicht darin, Fehler zu vermeiden, sondern darin, sie rechtzeitig wahrzunehmen.

„Dann fangen wir mit Feststellen an“, sagte Georg.

Und zum ersten Mal seit dem Start öffnete er nicht den Himmel, sondern den Schaltplan von Q5, alles, worauf er als Glücklicher Zugriff hatte.