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Version vom 15. September 2026, 15:20 Uhr
Vom Suchen und Finden
von Sabine Lange
Eins fehlte.
Tom konnte zählen, so oft er wollte. An der Zahl vier würde sich nichts ändern. Stripes und Milo saßen einträchtig nebeneinander am Gitter. Rosella bedachte ihn im Vorüberhoppeln mit einem wissenden Blick aus ihren dunklen Knopfaugen. Fat Tony lag ausgestreckt auf seinem Stammplatz an der Futtertraufe und mümmelte unermüdlich. Tom seufzte.
Schließlich wandte er sich vom Chinchillakäfig ab und bat seine KI um Hilfe: „Winston, wo ist der wahrscheinlichste Aufenthaltsort von Turbo? Wie kann ich ihn am schnellsten finden?“
„Raumschiff TERRANOVA, Modul Europa, Quartier 3, Wohneinheit 12 Gamma.“
„Danke, Winston. Wahnsinnig hilfreich. Ich befinde mich in 12 Gamma, das ist nämlich meine Wohneinheit.“
„Soll ich eine Vermisstenmeldung an alle KIs des Quartiers ausgeben?“
Tom schnaubte verärgert. „Klar, ich bitte alle Nachbarn, mein entlaufenes Chinchilla zu suchen, obwohl Haustiere außerhalb der Kabine streng verboten sind. Hast du einen praktikableren Vorschlag?“
Die KI enthielt sich einer Antwort. So hilfreich sie auch sonst war, sobald man die kleinste Regel oder gesellschaftliche Norm brach, war sie ein einziges Ärgernis. Tom würde Turbo alleine finden müssen.
Die Wohneinheit war schnell durchsucht; außer seiner Schlafkoje und dem Chinchillakäfig, der den größten Teil des Raumes einnahm, gab es keine Möbel. Das Regal und die kleine Essnische waren bloß dekorative Einblendungen ohne Funktion. Tom aß seine Mahlzeiten ausschließlich auf seiner Koje hockend mit Blick auf die Chinchillas.
Als Nächstes inspizierte er das Gemeinschaftsbad auf dem Gang, allerdings ohne große Hoffnung, denn Chinchillas verabscheuten Wasser. Auf dem Rückweg hielt er inne. Turbo konnte überall sein. Überall lauerten unzählige, ein Chinchillaleben bedrohende Gefahren. Nur mit Gittern abgedeckte Lüftungsschächte, verlockend bunte, stromführende Kabel und blutrünstige automatische Fabriken, die herrenlose Gegenstände und nicht zweckdienliches Material effizient und ansatzlos recycelten, ob es nun quiekte oder nicht. Eile war geboten.
Tom stapfte zurück in seine Wohneinheit. Während er in seinen Overall schlüpfte, den verbliebenen Chinchillas Futter hinstellte und die Käfigtür doppelt sicherte, gab er Winston Anweisungen. „Winston, durchsuche alle Bildaufzeichnungen nach Hinweisen auf Turbo, beginne bei T-minus eine Stunde.“
Die KI brummte missbilligend. „Das verstößt gegen den Datenschutz und daher nicht möglich, Tom.“
„Winston, ich meine natürlich alle öffentlichen Aufnahmen. Jetzt tu es einfach!“
Winston blendete die Ergebnisse seiner Recherche ein. Um Tom herum erstreckte sich der Grundriss des Wohndecks, rote Kreuze markierten wahrscheinliche Sichtungen von Turbo.
Tom stapfte los, immer dem eingeblendeten roten Band hinterher, das die Sichtungskreuze verband, auf Turbos wahrscheinlichster Route. Als er seinen vertrauten Wohnflur verließ, straffte er die Schultern und beschleunigte seine Schritte. Zum Glück war der Gang menschenleer.
Tom folgte dem virtuellen Band bis zum Vergnügungsdeck, wo die allgegenwärtige Stille durch gedämpft wummernde Musik abgelöst wurde. Dort endete es jäh an einer Tür aus weißem Milchglas. Dahinter sah Tom immer wieder bunte Lichter aufblitzen, und er hörte das Lachen und Johlen einer großen Menschenmenge.
Er schluckte kurz und trat von einem Fuß auf den anderen. Dann gab er sich einen Ruck, Turbo brauchte ihn! Als die Tür zur Seite glitt, betrat er eine fremde Welt aus hämmernden Bässen, grellen Lichtblitzen und verbrauchter Luft. An der Stirnseite des Raumes war eine flache Bühne mit einem Mikrofonständer aufgebaut, alle Wände und die Decke waren mit Bildschirmkacheln bedeckt. Im Sekundentakt wechselten die Motive von einem grünpflanzenbehangenen Urwald zu einem Flammenmeer, dann wieder zu einer Fantasielandschaft in Pastellfarben, voller hüpfender riesenhafter Teddybären. Der Effekt war so schwindelerregend, dass Tom sich kurz an der Wand abstützen musste.
Vor der Bühne johlte und feierte eine ungeheure Menschenmenge, immer wieder punktuell erleuchtet von an der Decke montierten Scheinwerfern. Tom fragte sich einen schrecklichen Moment lang, woher nur die Leute stammen mochten – hatte sich etwa das ganze Quartier ohne sein Wissen hier versammelt?
„Die meisten sind nur Einblendungen“, erklärte Winston. „Soll ich die mal markieren?“
„Ja, mach mal!“
Die meisten Personen wurden blasser. Nur hier und da blieb noch er einer seiner Mitpassagiere. Einige tanzten oder sangen. Zu seiner Erleichterung schien keiner von ihnen seinen Eintritt bemerkt zu haben.
Mit einem donnernden Schlussakkord endete die Musik, und die Scheinwerfer schwenkten wie Suchstrahlen durch den Raum. Tom hob die Arme, um seine Augen vor dem grellen Licht zu schützen. „Ahaa! Ein Freiwilliger“, tönte eine lautsprecherverstärkte KI-Stimme erfreut. Der aufbrandende Applaus ließ den Boden erzittern.
„Auf die Bühne! Auf die Bühne!“, skandierte die Menge.
Tom brach der kalte Schweiß aus. Er versuchte noch, sich zum Ausgang zu retten, aber ein Serviceroboter, angetan als Showmaster mit Sonnenbrille und großen Gesten, vertrat ihm den Fluchtweg. Beinahe gewaltsam bugsierte er den widerstrebenden Tom auf die Bühne und drückte ihm ein Mikro in die Hand. Dabei versprach er dem Publikum jovial eine unglaubliche Show und Tom den Adrenalinrausch seines Lebens.
„Winston“, dachte Tom verzweifelt. „Hilf mir hier raus!“
Doch Winston wollte oder konnte ihm keinen Ausweg anbieten. „Von der Bühne hast du den besten Blick. Niemals, niemals, niemals aufgeben“, sagte er ermutigend.
Toms Beine zitterten, und er schluckte trocken. Sein Blick glitt über die Gesichter, die alle zu ihm hinaufsahen. Hier oben konnte er kaum unterscheiden, wer wirklich war und wer eine Projektion. Die Musik setzte ein, und Tom erkannte mit Erleichterung den eingeblendeten Text. Es war die TERRANOVA-Hymne, die fast jeder Passagier auswendig kannte – ein Loblied auf den technischen Fortschritt und den triumphalen Aufbruch der Auserwählten zu den Sternen zum Wohle der gesamten Menschheit. Ergeben fügte sich Tom ins Unvermeidliche. Er verpasste seinen Einsatz und sang die erste Strophe schief, aber der Refrain gelang ihm halbwegs. Sicherer geworden, wagte er es, vom Text in den Raum zu schauen. Überall lachende Menschen, die winkten und hüpften, augenscheinlich eine tolle Zeit hatten. Wen kümmerte es, ob sie real waren oder nicht? Er schmetterte die nächsten Zeilen aus vollem Hals und ließ sich von der Melodie mitreißen. Übermütig machte er sogar ein paar Tanzschritte, die mit Jubel belohnt wurden. So viel Spaß hatte er schon lange nicht mehr gehabt. Am Ende des Liedes machte er eine dramatische Verbeugung und genoss den tosenden Applaus.
Als er sich grinsend wieder aufrichtete, erspähte er plötzlich ein bekanntes Gesicht in der Menge, mit einem spöttisch verzogenen Mund und schmalen braunen Augen, die zu ihm aufblickten. Sabine strich sich die blonden Haare zurück und winkte ironisch. Seine Flurnachbarin war offensichtlich erstaunt, ihn hier zu sehen, und Tom konnte ihr nur beipflichten. Von einem Moment auf den anderen schwand seine Euphorie, und sein Auftritt war ihm furchtbar peinlich.
Er warf dem herangleitenden Showmaster das Mikrofon entgegen und eilte von der Bühne Richtung Tür. Beinahe hätte er es geschafft.
„Hi, Tommy!“, brüllte Sabine über den Lärm hinweg.
Tom nahm widerwillig die Hand vom Türsensor und drehte sich um. Sie schob sich an den letzten tanzenden Projektionen vorbei und grinste ihn frech an. „Nette Performance! Ich dachte, du verlässt nie deine Bude!“
Tom wich ihrem Blick aus und murmelte etwas Unverbindliches. Er verriet ihr lieber nicht, dass er sich von Winston immer das wahrscheinlichste „Sabine-freie“ Zeitfenster ausrechnen ließ, um seine Wohneinheit zu verlassen.
Mit einem Pling! meldete sich Winston zu Wort. „Würde ich ihr auch lieber nicht verraten“, flüsterte er in Toms Kopf. „Aber falls du zufällig noch auf der Suche nach einem braunen Chinchilla sein solltest, bevor du deine Gesangskarriere startest, dann hätte ich da Neuigkeiten.“
Der eingeblendete Videostream zeigte Turbo klar zu erkennen vor dem Hintergrund eines schwach beleuchteten Wellnesspods. Das Chinchilla huschte eng an den Boden gedrückt durch den Bildausschnitt und verschwand am linken Rand.
Tom zuckte schuldbewusst zusammen. Für einen Moment hatte er tatsächlich vergessen, dass Turbo allein herumirrte und sich wahrscheinlich verzweifelt nach der heimischen Heutraufe und seinen Chinchillakumpels sehnte.
„Ich habe es ziemlich eilig“, beschied er Sabine, die mit erwartungsvoller Miene vor ihm stand. Er wandte sich brüsk ab und hastete durch die Tür, Turbos digitaler Spur hinterher.
Der weitläufige Wellnessbereich war das komplette Gegenteil der Karaokebühne, die Tom gerade verlassen hatte. Leise Harfentöne erklangen wie aus weiter Ferne und ein sanftes Rauschen, wie von Blättern in einer leichten Brise. Indirektes Licht fiel auf die mit Ornamenten verzierte Gewölbedecke und die geschwungenen halbhohen Raumteiler. Die vorherrschenden Grün- und Braunschattierungen und der würzige Geruch nach Erde und Moos weckten in Tom die Erwartung, dass hinter der nächsten Ecke die Ausläufer eines Wäldchens auf ihn warten mussten, dass er jedoch nie zu erreichen schien. An Turbos letztem bekannten Aufenthaltsort sah Tom sich um. Der Wellnesspod war zugeklappt und summte leise. Warmweiße Lichtstrahlen aus dem Inneren ließen den Deckel sanft glühen.
Tom schauderte. Die konische Form des Pods erinnerte ihn unangenehm an einen aufgebahrten Sarg. Er ließ sich auf die Knie sinken und hielt Ausschau nach Turbo. Auf dem Boden kniend entdeckte er ihn endlich. Der kleine Kerl hatte sich hinter eine große, unförmige Stofftasche geflüchtet, die in den schmalen Spalt zwischen Wand und Pod gequetscht worden war. Erleichtert schob er sich vor und streckte den Arm aus.
„Komm, Turbo, komm“, lockte er leise. Die Tasthaare des Chinchillas zitterten, doch es bewegte sich nicht. Vorsichtig griff Tom zu, doch statt das dichte Fell des verängstigten Chinchillas zu erwischen, erwischte er nur die Tasche.
Ein ohrenbetäubender Alarm schrillte auf. Tom und Turbo schreckten gleichzeitig in die Höhe. Während Turbo mit einem eleganten Haken davonjagte, schlug sich Tom den Kopf schmerzhaft am Sockel des Pods an und sank gleich wieder zu Boden.
Als er benommen unter dem Pod hervorkroch, war Turbo längst außer Sicht. Stattdessen blickte er auf die stämmigen Beine einer kolossalen, aufgeregten Dame, die offenbar gerade dem Wellnesspod entstiegen war. Sie hob den massigen Arm und deutete anklagend auf Tom. „Diebe“, kreischte sie, „überall Diebe!“
Mit einem Ruck riss sie Tom die Tasche aus der Hand und presste sie an ihre Brust. Sie musste Tom bereits gemeldet haben, denn Winston forderte ihn auf, ruhig zu bleiben, und blendete seine Rechte ein.
Tom spähte an der wütenden Dame vorbei, verzweifelt auf der Suche nach dem panischen Chinchilla. Doch statt Turbo erblickte er nur Sabine. War sie Tom etwa gefolgt?
Sie richtete sich aus der Hocke auf und hatte etwas unter den Arm geklemmt. War das nicht ein zitterndes braunes Fellbündel mit zwei Schlappöhrchen?Sabine strich Turbo beruhigend über die Flanke und zwinkerte dem verdutzten Tom verschwörerisch zu. Als sie ging, sah er ihr nach und registrierte kaum den Polizeiroboter, der die Anschuldigungen der zeternden Dame getreulich protokollierte.
Sein Geheimnis gehörte ihm nun nicht mehr allein, doch das machte ihm keine Sorgen. Überrascht stellte er fest, dass er sich sogar ein wenig freute.